Freie Apothekerschaft weist Vorstoß der KV Hessen entschieden zurück

Bünde, 10. Juni 2026 – Die Freie Apothekerschaft e.V. weist die jüngsten Äußerungen der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen mit Nachdruck zurück. Wer öffentliche Apotheken auf „pharmazeutische Verkaufsstellen“ reduziert und ernsthaft Drogeriemärkte, Versandhandel, ärztliches Dispensierrecht und eine Regionalapotheke je 250.000 Einwohner als Zukunftsmodell ins Spiel bringt, verkennt die Realität der Arzneimittelversorgung.

„Wer braucht noch Apotheken? Jeder Mensch, der sichere Arzneimittel braucht. Jeder chronisch kranke Patient. Jede Familie im Notdienst. Jeder ältere Mensch, der eine persönliche, erreichbare und verlässliche Anlaufstelle benötigt“, erklärt Daniela Hänel, 1. Vorsitzende der Freien Apothekerschaft.

Die öffentliche Apotheke ist keine bloße Abgabestelle. Sie ist heilberuflicher Kontrollpunkt, niedrigschwellige Anlaufstelle, Notdienststruktur, Rezepturhersteller, Lieferengpassmanager und oft die erste persönliche Gesundheitsinstanz vor Ort. Genau dieses Netz wird seit Jahren durch Unterfinanzierung, Bürokratie und politische Fehlsteuerung geschwächt.

Arzneimittel sind keine Drogerieware

Arzneimittelversorgung besteht nicht darin, Packungen über einen Tresen zu reichen. Jede Verordnung muss pharmazeutisch geprüft werden: auf Dosierung, Wechselwirkungen, Doppelverordnungen, Kontraindikationen, Anwendung, Lieferfähigkeit, Austauschbarkeit und Plausibilität.

„Ein Wochenendkurs für Drogeriepersonal ersetzt kein Pharmaziestudium, keine PTA-Ausbildung und keine heilberufliche Verantwortung“, so Hänel. „Arzneimitteltherapiesicherheit ist kein Regalprozess. Sie ist pharmazeutische Kompetenz.“

Das Vier-Augen-Prinzip schützt Patienten

Besonders kritisch ist die Forderung nach einem ärztlichen Dispensierrecht. Wer verordnet, sollte nicht zugleich wirtschaftlich von der Abgabe profitieren. Die Trennung zwischen ärztlicher Diagnose und unabhängiger pharmazeutischer Prüfung ist kein bürokratischer Luxus, sondern ein zentrales Element des Patientenschutzes.

Apotheken kontrollieren Verordnungen nicht aus Misstrauen gegenüber Ärztinnen und Ärzten, sondern im Interesse der Patientensicherheit. Genau dieses Vier-Augen-Prinzip verhindert Fehler, erkennt Risiken und schützt Menschen vor vermeidbaren Schäden.

Wer Apotheken schwächt, schwächt Versorgung

Der Vorschlag, eine Regionalapotheke könne 250.000 Menschen mit Fahrdienst ausreichend versorgen, geht an der Lebenswirklichkeit vieler Patientinnen und Patienten vorbei. Arzneimittelversorgung ist nicht nur Logistik. Sie ist Beratung, persönliche Einschätzung, unmittelbare Hilfe, Herstellung individueller Arzneimittel, Notfallversorgung und Vertrauen.

Schon heute müssen immer mehr Menschen weitere Wege zur nächsten Apotheke in Kauf nehmen. Jede weitere Schwächung der Vor-Ort-Apotheken bedeutet weniger persönliche Beratung, längere Wege, mehr Druck auf Arztpraxen und Notaufnahmen und mehr Unsicherheit für Patientinnen und Patienten.

Sparen an Apotheken wird teuer

Wer an der wohnortnahen Arzneimittelversorgung spart, produziert Folgekosten an anderer Stelle. Wenn Arzneimittel falsch angewendet werden, Wechselwirkungen übersehen werden, Lieferengpässe ungelöst bleiben oder persönliche Ansprechpartner wegfallen, wird das Gesundheitssystem nicht effizienter. Es wird unsicherer und am Ende teurer.

Die Freie Apothekerschaft fordert deshalb keine standespolitischen Grabenkämpfe, sondern eine sachliche Debatte über die Zukunft der Versorgung: mit starker Vor-Ort-Apotheke, fairer Honorierung, echtem Bürokratieabbau und einer Zusammenarbeit der Heilberufe auf Augenhöhe.

Denn am Ende geht es nicht um persönliche Befindlichkeiten, Besitzstände oder Revierdenken. Es geht um Patientinnen und Patienten. Ihnen dient eine gute Zusammenarbeit zwischen Arztpraxen und Apotheken. Genau diese Zusammenarbeit muss gestärkt werden – nicht durch Polemik beschädigt.

Wer braucht noch Apotheken?
Alle, die eine sichere, erreichbare und menschliche Arzneimittelversorgung wollen.

https://www.kvhessen.de/presse/radikaler-sparvorschlag-wer-braucht-noch-apotheken